Schlagwort: schamanische Praxis

  • Was Schamanismus für mich wirklich bedeutet

    Was Schamanismus für mich wirklich bedeutet

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    Schamanismus ist für mich zunächst etwas vollkommen Natürliches.

    Ich stehe morgens nicht auf und überlege, welches Ritual ich heute durchführen muss. Ich frage mich nicht, ob ich mich dreimal im Kreis drehen, fünfmal zum Mond sprechen oder den nächsten Vollmond ausführlich analysieren muss.

    Manchmal reicht es, den Mond überhaupt wahrzunehmen. Ist er voll? Ist er in einer Sichel? Welche Sterne siehst du im Himmel?

    Diese ganzen Fragen darüber, wie ein Ritual richtig ausgeführt wird, was ein bestimmtes Zeichen bedeutet oder wie sich Schamanismus erklären lässt, beschäftigen mich tatsächlich erst seit einigen Jahren intensiver.

    Nicht, weil diese Fragen plötzlich wichtiger für mich geworden wären. Sondern weil ich begonnen habe, meine Arbeit nach außen zu erklären.

    Davor ging es mir nie darum, Schamanismus in eine Definition zu pressen. Ich habe ihn nicht als Methode betrachtet, die man erlernen und anschließend anwenden kann. Er war für mich eine natürliche Art, das Leben wahrzunehmen und mit ihm in Beziehung zu stehen.

    Genau darin liegt für mich heute auch eine der größten Herausforderungen, wenn über Schamanismus gesprochen wird.

    Sobald wir versuchen, ihn vollständig zu erklären, besteht die Gefahr, dass wir aus einer lebendigen Lebensweise ein starres Konzept machen.

    Schamanismus ist für mich keine Methode

    Wenn Menschen heute von Schamanismus hören, denken viele zuerst an bestimmte Praktiken und Werkzeuge.

    Sie denken an Trommeln, Räuchern, Krafttiere, schamanische Reisen, Pflanzen, Rituale oder Zeremonien.

    All diese Dinge können Teil schamanischer Arbeit sein. Sie sind aber nicht ihr eigentlicher Kern.

    Eine Trommel allein macht eine Handlung nicht schamanisch. Auch ein Ritual wird nicht automatisch bedeutungsvoll, nur weil es nach einer bestimmten Anleitung durchgeführt wird.

    Schamanismus ist für mich deshalb keine Methode und keine Technik, mit der ich das Leben erklären oder kontrollieren kann.

    Er ist auch kein Werkzeugkasten, aus dem ich die passende Übung auswähle, sobald in meinem Leben ein Problem auftaucht.

    Für mich beschreibt Schamanismus vielmehr eine Art und Weise, wie Menschen seit sehr langer Zeit gelebt haben: eingebunden in die Natur, abhängig von natürlichen Kreisläufen und in einem unmittelbaren Verhältnis zu den sichtbaren und nicht sichtbaren Vorgängen des Lebens.

    Diese Lebensweise wurde nicht unbedingt Schamanismus genannt.

    Sie war an vielen Orten schlicht das Leben selbst.

    Schamanismus gehört für mich nicht nur in ferne Kulturen

    Beim Begriff Schamanismus entstehen schnell Bilder von Südamerika, Afrika, Sibirien oder den indigenen Völkern Nordamerikas.

    Diese Kulturen besitzen jeweils eigene Traditionen, Überlieferungen und Praktiken. Sie sollten nicht miteinander vermischt oder beliebig übernommen werden.

    Für mich bedeutet das jedoch nicht, dass eine naturverbundene und schamanische Lebensweise ausschließlich in weit entfernten Regionen zu finden ist.

    Auch die Menschen im heutigen deutschsprachigen Raum lebten über sehr lange Zeiträume in direkter Beziehung zu Landschaften, Jahreszeiten, Pflanzen, Tieren, Ahnen, Gemeinschaft und natürlichen Rhythmen.

    Sie mussten wissen, welche Pflanzen an welchem Ort wuchsen. Sie beobachteten Wetter, Tiere und Himmelsbewegungen. Sie kannten die Bedeutung von Feuer, Wasser, Erde und Wind nicht nur als abstrakte Symbole, sondern als unmittelbare Lebensgrundlagen.

    Die Formen, Bezeichnungen und Überlieferungen waren regional verschieden. Dennoch bestand auch hier eine Lebensweise, in der die Natur nicht nur Kulisse oder Freizeitort war.

    Natur war Beziehung. Natur war das große Göttliche. Das Mysterium.

    Deshalb empfinde ich Schamanismus nicht als etwas Fremdes, das wir aus einer anderen Kultur übernehmen müssen. Für mich geht es vielmehr darum, mich wieder an das Land, die Natur und die Lebensräume anzubinden, in denen ich tatsächlich lebe.

    Es geht nicht darum, eine fremde Identität anzunehmen.

    Es geht darum, die eigene Beziehung wieder wahrzunehmen.

    Warum sich heute wieder mehr Menschen davon angesprochen fühlen

    Ich beobachte seit einigen Jahren, dass sich immer mehr Menschen mit Schamanismus, Naturverbindung und ursprünglichen Lebensweisen beschäftigen.

    Dahinter steckt aus meiner Sicht nicht nur ein spiritueller Trend.

    Viele Menschen spüren, dass ihnen trotz eines materiell gut organisierten Lebens etwas Wesentliches fehlt. Sie besitzen Informationen, Technik und nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, erleben aber gleichzeitig eine zunehmende Distanz zum eigenen Körper, zur Natur und zu ihrem unmittelbaren Lebensumfeld.

    Wir wissen heute sehr viel.

    Aber wir nehmen nicht zwangsläufig mehr wahr.

    Wir können uns jederzeit über den Mondzyklus informieren, ohne den Mond selbst bewusst anzusehen. Wir können Pflanzen über eine App bestimmen, ohne über Jahre eine echte Beziehung zu ihnen aufzubauen. Wir können über Naturverbindung sprechen und trotzdem den Großteil unseres Lebens von natürlichen Rhythmen getrennt verbringen.

    Schamanismus berührt für mich genau diese Trennung.

    Nicht, indem er eine romantische Vergangenheit wiederherstellt. Und auch nicht, indem er moderne Technik oder gesellschaftliche Entwicklungen grundsätzlich ablehnt.

    Er erinnert mich vielmehr daran, dass ich trotz aller technischen und kulturellen Veränderungen ein menschliches Wesen in einem Körper bin, das auf dieser Erde lebt.

    Diese einfache Tatsache wird im Alltag erstaunlich leicht vergessen.

    Schamanismus beginnt mit Wahrnehmung

    Der Ausgangspunkt schamanischer Praxis ist für mich Wahrnehmung.

    Bevor ich ein Ritual durchführe, kann ich wahrnehmen, was gerade da ist.

    Bevor ich eine Antwort suche, kann ich beobachten, welche Frage tatsächlich in mir lebt.

    Bevor ich einer äußeren Deutung folge, kann ich spüren, was mein Körper, mein Umfeld und die konkrete Situation bereits zeigen.

    Wahrnehmung oder Körperwahrnehmung (Lese auch meinen Artikel „Körperarbeit und Selbstführung: Warum mein Körper oft früher Bescheid weiß als mein Verstand“) klingen zunächst einfach. Sie sind jedoch nicht dasselbe wie ein kurzer Blick oder ein spontanes Gefühl.

    Wirkliche Wahrnehmung verlangt, dass ich langsamer werde. Dass ich nicht sofort bewerte, einordne oder reagiere. Dass ich bereit bin, etwas zu sehen, ohne es unmittelbar für meine Wünsche und Vorstellungen zu benutzen.

    Das gilt für die Natur genauso wie für meinen eigenen Körper und für die Beziehungen zu anderen Menschen.

    Eine schamanische Lebensweise beginnt für mich deshalb nicht mit außergewöhnlichen Erfahrungen.

    Sie beginnt mit der Fähigkeit, anwesend und präsent zu sein.

    Gelebte Praxis ist wichtiger als spirituelle Vorstellungen

    Über Schamanismus lässt sich viel lesen und sprechen.

    Man kann sich mit Krafttieren, Ahnen, Pflanzen, Elementen, Ritualen und unterschiedlichen Weltbildern beschäftigen. All das kann bereichernd sein.

    Entscheidend ist für mich jedoch, was davon im Leben tatsächlich sichtbar wird.

    Wie gehe ich mit meinem Körper um?

    Wie verhalte ich mich gegenüber der Natur?

    Wie spreche ich mit den Menschen, die mir nahestehen? (Lese auch: „Warum ich Menschen nicht mehr sage, wie sie leben sollen“)

    Wie trage ich Konflikte aus?

    Wie übernehme ich Verantwortung für Entscheidungen und deren Konsequenzen?

    Wie verhalte ich mich, wenn niemand zusieht?

    Diese Fragen erscheinen zunächst wenig spektakulär. Für mich sind sie jedoch wesentlich schamanischer als jede äußere Inszenierung.

    Es ist vergleichsweise einfach, an einem Ritual teilzunehmen und sich für einige Stunden tief verbunden zu fühlen. Schwieriger ist es, diese Verbindung anschließend in den Alltag zu übertragen.

    Gelebter Schamanismus zeigt sich für mich nicht nur in Zeremonien.

    Er zeigt sich darin, wie ich lebe.

    Naturverbindung ist keine Dekoration

    Die Natur ist für mich kein hübscher Hintergrund für spirituelle Erfahrungen.

    Sie ist auch kein Ort, den ich gelegentlich besuche, um mich vom Alltag zu erholen.

    Sie ist die Grundlage meines körperlichen Lebens.

    Die Luft, die ich atme, das Wasser, das ich trinke, die Nahrung, die ich esse, und der Boden, auf dem ich mich bewege, sind keine spirituellen Metaphern. Sie sind konkrete Voraussetzungen meines Daseins.

    Eine schamanische Naturbeziehung bedeutet für mich deshalb nicht nur, mich in der Natur wohlzufühlen.

    Beziehung beinhaltet Aufmerksamkeit, Pflege und Verantwortung.

    Ich kann nicht dauerhaft von Naturverbindung sprechen und gleichzeitig jedes natürliche Umfeld ausschließlich danach bewerten, was es mir persönlich gibt.

    Eine Beziehung ist keine Einbahnstraße.

    Sie stellt auch die Frage, was ich zurückgebe, wie ich mich verhalte und welche Spuren ich hinterlasse.

    Verantwortung gehört für mich zum Schamanismus

    Schamanismus wird heute teilweise als Möglichkeit dargestellt, außergewöhnliche Erfahrungen zu machen, verborgene Botschaften zu empfangen oder Zugang zu besonderen Kräften zu erhalten.

    Mich interessiert dabei immer auch die Frage, welche Verantwortung daraus entsteht.

    Jede Form von Wissen, Einfluss oder Führung braucht Verantwortung. Das gilt besonders dann, wenn Menschen sich in verletzlichen Lebensphasen befinden oder nach Orientierung suchen.

    Für mich bedeutet schamanische Arbeit deshalb nicht, anderen Menschen ihre Wahrheit zu erklären.

    Ich möchte niemandem sagen, welches Krafttier er hat, welche Botschaft seine Seele angeblich sendet oder welchen vorbestimmten Weg er gehen muss.

    Ich kann Räume schaffen. Ich kann Erfahrungen teilen. Ich kann Wahrnehmung begleiten und bestimmte Praktiken vermitteln.

    Aber ich möchte Menschen nicht von meiner Deutung abhängig machen.

    Eine verantwortungsvolle schamanische Begleitung sollte aus meiner Sicht nicht dazu führen, dass ein Mensch seiner eigenen Wahrnehmung weniger vertraut.

    Sie sollte ihn darin unterstützen, wieder eigenständiger wahrzunehmen und zu entscheiden.

    Wenn Schamanismus zur Marke wird

    Ich beobachte kritisch, dass Schamanismus zunehmend als Trend, Produkt oder persönliche Marke verwendet wird.

    Dabei geht es schnell darum, möglichst schamanisch auszusehen, besondere Erfahrungen zu präsentieren oder eine außergewöhnliche Identität aufzubauen.

    Natürlich ist auch meine Arbeit sichtbar. Ich schreibe darüber, erstelle Inhalte und biete Kurse, Trainingsprogramme und individuelle Events an. Deshalb muss ich mich dieser Frage ebenfalls stellen.

    Was davon dient wirklich der Vermittlung?

    Und was dient nur der Selbstdarstellung?

    Ich glaube nicht, dass Sichtbarkeit grundsätzlich im Widerspruch zu Schamanismus steht. Wissen wurde schon immer weitergegeben. Menschen haben erzählt, gelehrt und voneinander gelernt.

    Problematisch wird es für mich dort, wo die äußere Wirkung wichtiger wird als die tatsächliche Praxis.

    Wo Symbole benutzt werden, ohne ihre Bedeutung zu leben.

    Wo fremde Traditionen übernommen werden, weil sie eindrucksvoll aussehen.

    Wo Menschen das Gefühl vermittelt wird, sie müssten bestimmte Gegenstände kaufen, Zeremonien (oder Retreats, Workshops, Seminare) besuchen oder besondere Fähigkeiten entwickeln, um überhaupt schamanisch leben zu können.

    Das ist nicht der Weg, den ich vermitteln möchte.

    Schamanismus ist für mich keine Religion

    Ich verstehe Schamanismus nicht als Religion.

    Es gibt für mich kein festes Glaubenssystem, das ein Mensch übernehmen muss. Keine zentrale Schrift, keine allgemeingültigen Regeln und keine Institution, die bestimmt, was geglaubt werden darf.

    Auch Spiritualität ist für mich nicht zwingend notwendig, um schamanische Prinzipien zu leben.

    Ein Mensch muss nicht an Geister, Krafttiere oder eine unsichtbare Welt glauben, um seinen Körper bewusster wahrzunehmen, respektvoller mit der Natur umzugehen und Verantwortung für seine Beziehungen zu übernehmen.

    Schamanismus verlangt für mich nicht zuerst Glauben.

    Er verlangt Aufmerksamkeit.

    Viele Zusammenhänge erschließen sich ohnehin nicht durch theoretische Überzeugungen, sondern durch wiederholte eigene Erfahrung.

    Ich muss nicht glauben, dass ein Wald meine Wahrnehmung verändert. Ich muss es auch nicht verstehen.
    Ich kann Zeit im Wald verbringen und beobachten, was geschieht.

    Ich muss nicht glauben, dass mein Atem mit meinem inneren Zustand verbunden ist. Ich kann meinen Atem wahrnehmen und diese Verbindung selbst untersuchen.

    Diese unmittelbare Erfahrung ist für mich wesentlich. (Lese auch: Was Atemarbeit für mich wirklich bedeutet)

    Jeder Mensch kann diesen Weg gehen

    Ich möchte Schamanismus nicht als exklusiven Weg darstellen.

    Ein Mensch braucht dafür keinen besonderen Titel, keine aufwendige Kleidung und keine außergewöhnliche Begabung.

    Nicht jeder muss schamanischer Lehrer werden. Nicht jeder muss Rituale anleiten oder mit anderen Menschen arbeiten.

    Aber jeder Mensch kann bewusster wahrnehmen.

    Jeder Mensch kann eine Beziehung zur Natur entwickeln.

    Jeder Mensch kann Verantwortung für sein eigenes Leben übernehmen.

    Jeder Mensch kann damit beginnen, den eigenen Körper, die eigenen Beziehungen und das unmittelbare Lebensumfeld nicht länger als selbstverständlich zu betrachten.

    Genau dort beginnt für mich die schamanische Lebensweise.

    Nicht in der Vorstellung, etwas Besonderes zu sein.

    Sondern in der Bereitschaft, wirklich anwesend zu sein.

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    Schamanismus bedeutet für mich, wieder Teil des Lebens zu werden

    Schamanismus ist für mich keine Flucht aus der modernen Welt.

    Er ist auch kein Versuch, in eine idealisierte Vergangenheit zurückzukehren.

    Er ist eine geerdete Lebensweise, die mich daran erinnert, dass ich nicht außerhalb der Natur stehe. Und ich stehe auch nicht über ihr.

    Ich bin Teil von ihr.

    Mein Körper folgt natürlichen Rhythmen. Mein Leben ist abhängig von anderen Lebewesen, von Landschaften, Elementen und Beziehungen. Meine Entscheidungen wirken nicht nur auf mich selbst.

    Diese Zusammenhänge wahrzunehmen, verändert die Art, wie ich lebe.

    Vielleicht ist Schamanismus deshalb weniger etwas, das wir neu erlernen müssen.

    Vielleicht ist er in vielen Bereichen etwas, an das wir uns wieder erinnern können.

    Nicht durch immer kompliziertere Rituale. Noch exklusivere Retreats.

    Sondern durch Wahrnehmung, Praxis, Naturbeziehung und Verantwortung.

    Fazit

    Schamanismus bedeutet für mich nicht, das Leben mit spirituellen Konzepten zu überladen.

    Er bedeutet, das Leben wieder unmittelbarer wahrzunehmen.

    Die Werkzeuge und Rituale können dabei unterstützen. Sie sind jedoch nicht der Kern.

    Der Kern liegt für mich in der gelebten Beziehung: zu meinem Körper, zur Natur, zu anderen Menschen und zu den Kräften, die mein Leben überhaupt ermöglichen.

    Schamanismus muss nicht spektakulär aussehen.

    Er muss gelebt werden.

    Dann erst erlebst du die „wahre schamanische Kraft“.


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